Creative Unit „Homo debilis. Dis/ability in der Vormoderne”

unter der Leitung von

Prof. Dr. Cordula Nolte - Prof. Dr. Uta Halle - PD Dr. Sonja Kerth

„Like gender, like race, disability must become a standard analytical tool in the historian’s tool chest.” Longmore/Umansky (2001)

Die Arbeitsgruppe „Homo debilis” verfolgt das Ziel, eine systematische Dis/ability History der Vormoderne im interdisziplinären Verbund zu erarbeiten. Als Creative Unit, die bis 2016 mit Mitteln der Exzellenzinitiative gefördert wird, untersuchen wir Konstruktionen körperlicher, seelischer und geistiger Abweichung anhand der Leitfrage, inwieweit „Behinderung” bzw. „Beeinträchtigung” Kategorien gesellschaftlicher Differenzierung und Ordnung in vormodernen Gesellschaften bildeten. Wie auch die Schreibweise „Dis/ability” in Anlehnung an Anne Waldschmidt und andere signalisiert, steht dabei die gemeinsame Analyse von „Behinderung” und „Nichtbehinderung” im Mittelpunkt. Im Unterschied zur Kategorie Gender, die in der historischen Erforschung aller Epochen mittlerweile selbstverständlich geworden ist, gilt Dis/ability immer noch als ein spezifisch modernes Phänomen. Im Rahmen der Creative Unit soll Dis/ability History hingegen als Element einer umfassenden Sozial- und Kulturgeschichte des Körperlichen verstanden werden, die mit der Frage danach, inwiefern Gesellschaft im Bereich des Körperlichen „stattfindet”, das gesellschaftliche und kulturelle Ganze zu erfassen sucht. Dis/ability wird dabei als eine neue, grundlegende Analysekategorie historischer Forschungen auch für die Vormoderne nutzbar gemacht.

Bei diesem Vorhaben können die methodischen Ansätze der herkömmlichen, auf die Moderne ausgerichteten Dis/ability History nicht einfach übernommen werden. Dieser fehlt es an Schlüsselbegriffen und an dem methodischen Instrumentarium, um Dis/ability in der Vormoderne zu erfassen. Ein interdisziplinäres Forschungsnetzwerk ausgewiesener Mediävist_innen und Frühneuzeitforscher_innen ist nötig, um die spezifischen Aspekte vormoderner Gesellschaften herauszuarbeiten, insbesondere bezogen auf vormoderne Herrschafts-, Lebens- und Beziehungsformen, die Rolle der Religion und das vormoderne Körperbild. Die Creative Unit entwickelt hierfür auf breiter Basis die methodischen Grundlagen und führt Forschungen in zentralen Schwerpunkten durch. Zugleich stellt sie eine internationale Austauschplattform für Wissenschaftler_innen verschiedener Disziplinen und Epochenschwerpunkte bereit.

Die Bremer Forschungsgruppe „Homo debilis. Soziale Einbindung und Lebensbewältigung beeinträchtigter Menschen in historischer Perspektive” untersucht seit dem Jahr 2007 im interdisziplinären Verbund aus Geschichtswissenschaft, Archäologie, Anthropologie, Kunst- und Literaturwissenschaft die Überlebens- und Bewältigungsstrategien sowie die gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigter Menschen in der Vormoderne. Dabei zeigte sich, dass die Annahme, in vormodernen Gesellschaften sei dem beeinträchtigten Körper noch keine grundlegend soziale Dimension zugemessen worden, in dieser Ausschließlichkeit nicht zutrifft. Aus diesem Befund entfalten sich für das inhaltlich neu ausgerichtete Vorhaben der Creative Unit folgende, tiefgreifende Fragestellungen:

  • Wie strukturierte der Körper in der Vormoderne Gesellschaft, und wie wurde der Körper seinerseits als Bedeutungsfeld aufgeladen?

  • Welche Bedeutung hatten Differenzierungskategorien des Körperlichen in gesellschaftlichen Formierungsprozessen, und wie wurden sie etabliert?

  • Inwiefern organisierte die Kategorie Dis/ability vormoderne Gemeinschaften?

Der Blick richtet sich somit nicht mehr zuvorderst auf die individuellen Betroffenen, sondern in einem umfassenden, gesamtgesellschaftlich ausgerichteten Zugriff auf das Phänomen Dis/ability. Um die gemeinsame Arbeit der Creative Unit zu strukturieren, werden drei weitläufige, übergeordnete Forschungsfelder eröffnet, die inhaltlich und methodisch eng verzahnt sind. Jedes Feld öffnet spezifische Zugänge zum Phänomen vormoderner Dis/ability und setzt bestimmte Schwerpunkte.

Im ersten Forschungsfeld („Lebensläufe“) wird im Rahmen prosopographischer und lebenszyklisch angelegter Studien nach Individuen in ihren sozialen Strukturen und wechselnden Zugehörigkeiten gefragt. Hier geht es vorrangig um Vorstellungen von individueller Tauglichkeit, körperlicher oder seelischer Abweichung und Unfähigkeit, um persönliche Handlungsspielräume und Argumentationsstrategien in verschiedenen Kontexten vom Alltag bis zur Dichtung.

Im zweiten Forschungsfeld („Soziabilität“) werden unterschiedliche Gruppierungen und Gemeinschaften wie Familie, Klostergemeinschaft, Bruderschaft, Gemeinde, Bürgerschaft, Hofgesellschaft untersucht. Leitfragen sind hier: Inwiefern strukturierte die Kategorie Dis/ability jeweils spezifische Gemeinschaften? Wie war Dis/ability in bestimmten Gemeinschaften organisiert? Wie trug Dis/ability zur Herausbildung von Gruppenidentitäten bei?

Das dritte Forschungsfeld („Körperzeichen“) verbindet die beiden ersten Felder, indem es Körperbilder und Körperzeichen – vom repräsentativen Abbild bis zur Stigmatisierung z. B. durch eine Körperstrafe – erforscht. Es beleuchtet insbesondere die Differenzierungs- und Wahrnehmungskategorie „Körper” aus unterschiedlichen Perspektiven wie der Kunst-, Literatur-, Sprach-, Rechts- und Kriminalitätsgeschichte. Bezogen auf verschiedene Kreise wie Bauern, Handwerker, Kaufleute, Geistliche, Ritter, Soldaten, Gelehrte und Herrscher ist hier zu fragen, inwiefern bestimmte Körperzeichen soziale Gruppen konstituierten.

Aktuelles

Workshop “Perspektiven der Dis/ability History im interdisziplinären und internationalen Verbund”, 6. – 7. Februar 2016 (Delmenhorst, Hanse-Wissenschaftskolleg) Weitere Informationen


Workshop “Images of Dis/ability”. Disease, Disability & Medicine in Medieval Europe, 9th Annual Meeting, Bremen, 4.-6. Dez. 2015. Weitere Informationen


Neu: Swantje Köbsell: LeibEigenschaften - eine barrierefreie Ausstellung über den Umgang mit Beeinträchtigungen in der Vormoderne, in: Handbuch Behindertenrechtskonvention (2015). Zu Entstehungshintergrund, Idee und Umsetzung der Bremer Ausstellung von 2012.


Neu: Dissertation von Bianca Frohne: Leben mit »kranckhait« Der gebrechliche Körper in der häuslichen Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts Überlegungen zu einer Disability History der Vormoderne (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 9), Affalterbach 2014. Weitere Informationen


Interdisziplinäres Ringseminar an der Universität Bremen: “Dis/ability History. Ein neuer Blick auf die Geschichte”. Wintersemester 2014/15, Freitags von 10 – 12 Uhr, GW2, Raum B 2880. Weitere Informationen


2014 Conference on Disease, Disability and Medicine in Medieval Europe: Infection and Long-Term Sickness. University of Nottingham, 6./7. Dezember 2014. Weitere Informationen


Graduate Workshop on Medieval Disability, University of Nottingham, 5. Dezember 2014. Weitere Informationen


Workshop: „Dis/ability History, Literaturwissenschaft und Sprachgeschichte im Dialog” unter der Leitung von PD Dr. Sonja Kerth und Dr. Heiko Hiltmann (Universität Bremen). Bremen, Gästehaus am Teerhof, 10./11. Oktober 2014.
Weitere Informationen


Workshop: „Dis/ability: Archäologie & Anthropologie - Funde und Befunde”
unter der Leitung von Prof. Dr. Uta Halle (Universität Bremen), Dr. Christina Lee (University of Nottingham) und PD Dr. Wolf-Rüdiger Teegen (Ludwig-Maximilians-Universität München). Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst, 13./14. Juni 2014 . Mehr


Neuerscheinung: Phänomene der “Behinderung” im Alltag. Bausteine zu einer Disability History der Vormoderne, hg. von Cordula Nolte (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 8), Affalterbach 2013. Weitere Informationen unter Didymos Verlag


Workshop „Dis/ability and Law in Pre-Modern Societies.
Schnittfelder von Rechtsgeschichte und Dis/ability
History“
unter der Leitung von Prof. Dr. Cordula Nolte (Universität Bremen) und Prof. Dr. Wendy Turner (Georgia Regents University, Augusta). Universität Bremen, 31. Jan./01. Feb. 2014. Mehr


Workshop „Dis/ability History und Medizingeschichte. Begriffe – Konzepte – Modelle“ unter der Leitung von Prof. Dr. Cordula Nolte (Universität Bremen) und Prof. Dr. Dr. Ortrun Riha (Universität Leipzig). Bremen, Gästehaus Teerhof, 16./17. September 2013. Mehr